Aufruf


Zeit zu Denken Vol. II – Antifa-Kongress

Zur Krise des Neoliberalismus – Es kommen härtere Tage

Zeit zu Denken geht in die zweite Runde! Aufbauend auf Diskussionen und Impulsen des letzten Jahres wollen wir auch diesen Sommer wieder für Analyse, Kritik und die gemeinsame Suche nach einem Ausweg aus der allgemeinen Unvernunft zusammenkommen.

Vom 10. bis 13. September laden wir euch in die Nähe von Erfurt zu Vol. II von Zeit zu Denken ein, um bei Vorträgen, Podien und Austauschformaten erneut Räume zur gemeinsamen inhaltlichen Auseinandersetzung zu schaffen.

Wo wir stehen

Im letzten Jahr haben wir uns mit autoritären Tendenzen in der Gesellschaft und auch in der parlamentarischen und außerparlamentarischen Linken beschäftigt. Beim kommenden Kongress wollen wir stärker die kollektive Kopf- und Ratlosigkeit untersuchen, die wir darin zu erkennen glauben. 

Politik und Ökonomie befinden sich im Wandel: in den internationalen Beziehungen und in der Außenpolitik, im Sozialstaat und auf dem Arbeitsmarkt ebenso wie bei Fragen der Reproduktion und der Geschlechterverhältnisse zeichnen sich umfassende Veränderungen ab. Wie sieht dieser Wandel im Einzelnen aus, was treibt ihn an und wohin führt er? Handelt es sich dabei um eine autoritäre Zuspitzung innerhalb des Neoliberalismus oder verdichten sich die gegenwärtigen Entwicklungen zu einer neuen Formation des Kapitalismus? Auf unserem Kongress möchten wir diesen und weiteren Fragen nachgehen. 

Die rasanten gesellschaftlichen und weltpolitischen Entwicklungen und die völlige praktische Bedeutungslosigkeit linker Bewegungen bringen uns dabei an unsere Grenzen. Wir ringen kollektiv um Worte, diese Entwicklungen angemessen zu fassen und zu kritisieren und kommen kaum hinterher. Statt sich diese Ohnmacht einzugestehen, beobachten wir kompensatorische, linke Routinen, welche die Ohnmacht zwar erfolgreich verdrängen, jedoch wenig an ihr rütteln: Der immergleiche Jargon und Parolen, blinder ewig-positiver Aktivismus, der kein Scheitern mehr kennt, historisches Cosplay in Erinnerung an alte Bedeutung oder resigniertes Schweigen. Was aber macht diese Ohnmacht eigentlich mit uns – und warum hinkt unsere Analyse den gesellschaftlichen Entwicklungen so beharrlich hinterher und ist praktisch so bedeutungslos? Auch diese Fragen durchziehen unseren Kongress. 

Status Quo

Gute dreißig Jahren galt seit Ende des Kalten Krieges das Paradigma des „Ende der Geschichte“ (Fukuyama). Die Marktwirtschaft war global durchgesetzt, nun werde auch die Demokratie in alle Gegenden der Welt getragen. Kriege zwischen entwickelten Industriestaaten seien in Relikt aus der Vergangenheit, Handel und Diplomatie – insbesondere in Form von Freihandelsabkommen sollten die Konkurrenzbeziehungen zwischen den Nationalstaaten regulieren. Die universale Durchsetzung der Menschenrechte sei nur noch eine Frage der Zeit. Auf subjektiver Ebene lautete das Glücksversprechen mehr individuelle Freiheiten und Empowerment. Dieses Versprechen war von Anfang an ein falsches – der „New World Order“ produzierte neue Gewinner und Verlierer (bspw. zwischen Zentrum und Peripherie, Verschärfung von Klassenunterschieden durch neoliberale Reformen innerhalb von Nationalstaaten, zwischen Stadt und Land, …), neue Kriege (z.B. War on Terror), neue Grenzregime, autoritäre Staatsmodelle und reaktionäre Bewegungen und neue Zurichtungen der Anpassung und autoritären Unterwerfung auf subjektiver Ebene (z.B. das unternehmerische Selbst). 

Zeitenwende? Krise des Neoliberalismus? Rechtsruck?

Spätestens mit Ausbruch des Ukraine-Kriegs 2022 sehen wir auf globaler Ebene eine wesentliche Abkehr neoliberaler Politiken – etwa die Wiedereinführung von Zöllen als Instrument der Handelspolitik, die Umstrukturierung internationaler Märkte nach Freund und Feind und Investitionen in militärische Aufrüstung, um sich einen Platz in der neuen Weltordnung zu sichern. Gleichzeitig wird nach innen der Sozialstaat in einer krassen Geschwindigkeit umgebaut und abgeschafft, auf dem Arbeitsmarkt ebenso wie bei Fragen der Reproduktion und der Geschlechterverhältnisse zeichnen sich umfassende Verschlechterungen ab, die Wehrpflicht wird wieder eingeführt und das europäische Grenzregime wird weiter ausgebaut und die Abschottung auf perfide Art perfektioniert. 

Neben dem autoritären Umbau und der Intensivierung des Standortsnationalismus liberaler Demokratien stehen die Erfolge von Autokraten und/oder rechtspopulistischen Parteien wie der AfD und rechten Massenbewegungen. Der Begriff „Rechtsruck“ bleibt dabei im Diskurs in allermunde, scheint die Komplexität des Phänomens aber unzureichend zu reflektieren. Die krasse inhaltliche Verschiebung nach rechts innerhalb der bürgerlichen Parteien bleibt ebenso wenig thematisiert, wie die generellen gesellschaftlichen Re-Traditionalisierungstendenzen und Formen eines neuen Konservatismus (z.B. Trad-Wife-Bewegung) – ein gutes Beispiel hierfür ist etwa die völlig entpolitisierte Massenmobilisierung von Widersetzen nach Erfurt im Juli 2026. Da unser Kongress eine Woche nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt stattfindet, wissen wir aktuell noch nicht, ob sich hier das falsche Ganze als bürgerliches Parteienbündnis oder die autoritär-konformistische Revolte dagegen mit einer absoluten Mehrheit der AfD auf Landesebene durchgesetzt hat – in jedem Fall wollen wir uns mit Genoss:innen aus Sachsen-Anhalt über die Wahlergebnisse, ihre Analysen und linksradikale Organisierung im Osten austauschen und vernetzen.

Die Militarisierung & die Linke 

Angesichts der gesellschaftlichen Militarisierung und des russischen Angriffskrieges kompensieren die Einen die erschlagende Ohnmacht der westlichen Linken mit der Identifikation mit der vermeintlichen Gegenmacht zum Westen, mit Disziplin und Demonstrationen militärischer Männlichkeit und mit der Selbstverklärung zur Avantgarde des Proletariats – und packen Begriffe der alten Arbeiter:innenbewegung aus der roten Mottenkiste aus, ohne sie auf ihre Aktualität zu prüfen (so etwa „Antimilitarismus“ oder „Imperialismus“ oder das Schema unterdrückte Völker – unterdrückende Völker).

Auf der anderen Seite befinden sich die Reste der antinationalen und antideutschen Linken. Man zieht sich zurück auf die Parole, das Bessere sei gegen das Schlechtere zu verteidigen. Es wird geschwiegen, gezögert, relativiert – sofern man sich nicht zu blöd ist, sich umstandslos auf die Seite des Staates zu schlagen. Zeitenwende? Zu vernachlässigen. Gefahr des Militarismus? Nicht mehr als schrilles Geschrei der Russlandfreunde. Wehrpflicht? Wenn’s sein muss. Die aktuellen Entwicklungen entsprechen nicht den Schwerpunkten der sich erarbeiteten Gesellschaftskritik der letzten Jahre und so wird geschwiegen. Außer natürlich, es geht um die Kritik der „Anderen“. Rote Gruppen machen es einem so einfach sich an all ihren Problematiken abzuarbeiten und dazu in Kontrast zu stellen, dass die eigene Sprach- und Begriffslosigkeit dabei gerne mal vernachlässigt wird. Wir wollen das Wochenende nutzen, uns gemeinsam Grundlagen einer Gesellschaftskritik des Krieges zu erarbeiten und über Formen und Bedeutung der Militarisierung Deutschland zu diskutieren und zu streiten.

Brutalisierung

Klaus Theweleit äußerte in einem Zeitungsinterview über das aktuelle Expertentum, die Prognosen und Voraussagen über die Entwicklung Russlands, Europas und der USA, von denen die meisten wahrscheinlich so nie eintreffen werden, unlängst: „Die Schrecken des Krieges, die fürchterliche Wirklichkeit, die zerfetzten Körper, die zerstörten Leben, die durch den Krieg zerstörten Gesellschaften kommen in dieser kühlen strategischen Rede nicht vor. Es ist so völlig unangemessen.“ Subjektives Leid und die konkrete Brutalität dieser Gesellschaft wird so aus der Sprache wegrationalisiert und verdrängt. Diese Leitgedanken wollen wir unter dem Begriff „Brutalisierung“ aufgreifen und auf andere gesellschaftliche Entwicklungen erweitern. Denn am Ende geht es genau darum – die Intensivierung von Leid, Elend und subjektiver Zurichtung unter den aktuellen objektiven gesellschaftlichen Entwicklungen. Uns begegnet der militärische und faschistische Körper als neue, alte Härte; der Hass auf alles, was an Schwäche und Verletzlichkeit erinnert (z.B. gegen Obdachlose oder Menschen mit Behinderungen), neue Männerbewegungen und sexualisierte und queerfeindliche Gewalt; Rassismus und ein die Mehrheiten mobil-machender Hass gegen Geflüchtete; und – dies auch im linksliberalen Lager – ein zunehmend entgrenzter Antisemitismus.

Dabei möchten wir uns sowohl mit den objektiven als auch subjektiven gesellschaftlichen Bedingungen dieser Brutalisierung beschäftigen, da sich diese nicht voneinander trennen lassen, sondern einander bedingen und durchziehen. Während beispielsweise die Kritik des autoritären Charakters für eine progressive Gesellschaftskritik unerlässliche Erkenntnisse bzgl. der autoritären Formierung der Subjekte dieser Gesellschaft enthält, droht durch eine Herauslösung der Sozialpsychologie aus einer umfassenden Kritik der gesellschaftlichen Totalität das politische Programm einer menschlicheren Gesellschaft verloren zu gehen. Wenn die kapitalistische Gesellschaft nicht mehr als bestimmtes, falsches gesellschaftliches Verhältnis der Menschen erkannt wird, wird der brutalisierte Mensch als falscher Status Quo erneut naturalisiert und enthistorisiert.

Es kommen härtere Tage. Diesen wollen wir nicht sprachlos begegnen. Kommt vom 10. bis 13. September in die Nähe von Erfurt, denkt, streitet und sucht mit uns nach Auswegen aus der allgemeinen Unvernunft.

Zeit zu Denken – Vol. II, 10.– 13. September, bei Erfurt


Es kommen härtere TageDie gestundete Zeit (Aufschub gewähren)

Es kommen härtere Tage.

Die auf Widerruf gestundete Zeit

wird sichtbar am Horizont.

Bald mußt du den Schuh schnüren

und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.

Denn die Eingeweide der Fische

sind kalt geworden im Wind.

Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.

Dein Blick spurt im Nebel:

die auf Widerruf gestundete Zeit

wird sichtbar am Horizont.

Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,

er steigt um ihr wehendes Haar,

er fällt ihr ins Wort,

er befiehlt ihr zu schweigen,

er findet sie sterblich

und willig dem Abschied

nach jeder Umarmung.

Sieh dich nicht um.

Schnür deinen Schuh.

Jag die Hunde zurück.

Wirf die Fische ins Meer.

Lösch die Lupinen!

Es kommen härtere Tage.

(Ingeborg Bachmann)